🧾 Fallvignette: „Zwischen Pflicht und Selbstbestimmung“
- Thomas Laggner
- vor 1 Tag
- 2 Min. Lesezeit
Klientin: Eine Frau Anfang 50 mit vielseitiger beruflicher Erfahrung (Grafikerin, Organisation, Sozialarbeit, Verkauf), aktuell im Krankenstand.
Anlass: Die Klientin meldet sich krank, um zur Ruhe zu kommen und ihre innere Unruhe zu regulieren. Sie nutzt diese Zeit, um ihr Zuhause neu zu strukturieren und reflektiert zugleich über Lebensentscheidungen, ihre berufliche Laufbahn und familiäre Prägungen.
Zentrale Themen:
Erschöpfung und Überforderung nach intensiven Arbeitsphasen
Starker innerer Antreiber, geprägt durch eine leistungsorientierte und herrische Mutter
Wunsch nach Selbstbestimmung und einem erfüllenden (beruflichen) Leben
Schwierigkeiten, Erholung zuzulassen oder Bedürfnisse klar zu formulieren
Suche nach beruflicher Neuorientierung mit kreativer, sozialer und organisatorischer Komponente
Bisherige Entwicklungen in der Therapie:
Erste Schritte zur Legitimation von Erholung und innerer Ordnung
Reflexion über kindliche Prägungen und deren Auswirkungen
Exploration innerer Anteile wie der „inneren Kritikerin“
Aktivierung von Ressourcen (Kreativität, Organisation, soziale Fähigkeiten)
Erste positive Erfahrungen mit Selbstfürsorge (z. B. Gärtnern, Kochen)
Diagnostische Hypothesen: (für Diskussion in der Gruppe)
Mögliches Erschöpfungssyndrom (z. B. F43.2)
Anpassungsstörung oder Dysthymie als Hintergrundthema
Z-Diagnose: Schwierigkeiten mit dem sozialen Umfeld (Z63.x), beruflichen Belastungen (Z56.x)

🧠 ICD-10 F-Diagnosen (psychische Störungen)
1. F43.2 Anpassungsstörung
Begründung:
Die Klientin reagiert mit starker psychischer Belastung auf berufliche und soziale Veränderungen (Krankmeldung, Reorganisationsdruck).
Symptome wie innere Unruhe, Erschöpfung, gedrückte Stimmung und sozialer Rückzug sind erkennbar.
Sie befindet sich in einer aktiven, aber belastenden Umstrukturierungsphase.
**2. F34.1 Dysthymia (Lang andauernde depressive Verstimmung) – (differenzialdiagnostisch)
Begründung:
Über Jahre bestehendes Gefühl von Müdigkeit, innerer Getriebenheit und fehlender Lebensfreude.
Ambivalente Haltung gegenüber Eigenfürsorge und chronische Selbstentwertung könnten darauf hinweisen.
👥 ICD-10 Z-Diagnosen (Kontext- und Belastungsfaktoren)
1. Z56.3 Arbeitslosigkeit, Probleme mit beruflicher Rolle
Begründung:
Die Klientin berichtet über Arbeitslosigkeit, Schwierigkeiten mit Anerkennung im Beruf, Unterforderung und Probleme mit dem Kollektivvertrag.
2. Z63.0 Probleme in der Beziehung zur primären Bezugsperson (Mutter)
Begründung:
Die Klientin schildert wiederkehrend belastende Erfahrungen mit ihrer Mutter, die heute noch in ihrem inneren Kritiker nachwirken.
Typische Aussagen: „Ich muss das jetzt geschwind noch machen“ – als internalisierte Anweisung.
3. Z60.0 Schwierigkeiten der Anpassung an neue Lebenssituationen
Begründung:
Die Klientin befindet sich in einem Übergang (Beruf, Familie, eigene Rolle) und zeigt damit verbundene Anpassungsschwierigkeiten.
🔄 Abgrenzung zur Lebens- und Sozialberatung
Ein Lebens- und Sozialberater könnte mit der Klientin in folgenden Bereichen wirksam arbeiten:
Alltagsstrukturierung und Ressourcenaktivierung (z. B. Umgang mit Haushalt, Tagesgestaltung, Kompetenzerhebung)
Begleitung bei beruflicher Neuorientierung (Stärkenbilanz, Bewerbungscoaching)
Psychoedukation zu inneren Antreibern und Selbstfürsorge
Grenzen der Beratung liegen in:
Bearbeitung tiefer emotionaler Prägungen aus der Kindheit (Mutterbindung, Selbstwert)
Arbeit mit inneren Anteilen, kritischen Selbstbildern, depressiven Schemata
→ Hier ist die Psychotherapie indiziert, besonders verhaltenstherapeutisch, schematherapeutisch oder gestalttherapeutisch ausgerichtet.