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🔄 Was ist eine "offene Beziehung"?

Aktualisiert: vor 8 Stunden

Eine offene Beziehung ist eine Form der konsensuell nicht-monogamen Beziehung (CNM), bei der ein Paar sexuelle Kontakte mit anderen Personen erlaubt, während die emotionale Bindung zueinander exklusiv bleibt. Anders als bei der Polyamorie, wo mehrere Liebesbeziehungen nebeneinander bestehen können, steht bei offenen Beziehungen meist das gemeinsame Paar im Mittelpunkt – mit sexueller Freiheit, aber emotionaler Monogamie.


Typischerweise läuft das Modell so:

  • "Wir lieben uns – aber wir dürfen Sex mit anderen haben."

  • Es kann sich um einmalige Abenteuer, Affären, Swinging oder regelmäßige sexuelle Kontakte handeln.

  • Gefühle für Dritte sind meist nicht erwünscht oder tabuisiert.


👉 Der Fokus liegt oft auf sexueller Vielfalt, nicht auf emotionalen Mehrfachbeziehungen.


💡 Psychologische Motive und Dynamiken


Offene Beziehungen entstehen oft aus dem Bedürfnis heraus:

  • die Sexualität zu erweitern, ohne die Primärbeziehung zu gefährden.

  • Lust und Abenteuer zu bewahren, besonders nach langen Jahren der Monogamie.

  • Ehrlichkeit zu leben, statt Seitensprünge zu verheimlichen.

  • sexuelle Bedürfnisse auszuleben, die der Partner/die Partnerin nicht teilt.


🔍 Laut Forschung (Conley et al., 2013) berichten viele Menschen in offenen Beziehungen von mehr sexueller Zufriedenheit und weniger Betrug als in monogamen Beziehungen – vorausgesetzt, klare Regeln und emotionale Reifesind gegeben.


🧠 Neuropsychologie & Bindung: Was braucht es?


Damit eine offene Beziehung gelingen kann, braucht es:

  • Bindungssicherheit: Wer in seiner Hauptbeziehung emotionale Sicherheit empfindet, kann Freiheit besser leben, ohne Angst.

  • Eifersuchtskompetenz: Die Fähigkeit, Eifersucht nicht als Bedrohung, sondern als Spiegel eigener Bedürfnisse zu nutzen.

  • Achtsame Kommunikation: Was ist erlaubt? Was nicht? Wie viel möchte ich wissen? Solche Fragen müssen klar geklärt sein.


🧠 Neurowissenschaftlich ist der Umgang mit offenen Beziehungen ein echter "Selbstregulations-Test": Das Belohnungssystem (Dopamin) wird durch Neues und Lust aktiviert, während das Bindungssystem (Oxytocin) Stabilität sucht. Je klarer die emotionale Basis, desto besser kann das System beide Bedürfnisse integrieren.


⚖️ Chancen und Risiken offener Beziehungen

✅ Chancen

Bereich

Potenzial

Sexuelle Freiheit

Lust leben ohne Heimlichkeit; neue Körperlichkeit erleben

Ehrlichkeit

Keine Doppelmoral – alles ist abgesprochen

Persönliches Wachstum

Auseinandersetzung mit Eifersucht, Besitzdenken und Autonomie

Langzeit-Paarbindung

Öffnung als Impuls gegen sexuelle Routine

❌ Risiken

Bereich

Schwierigkeit

Eifersucht & Unsicherheit

Was, wenn Gefühle entstehen? Was, wenn Vergleiche auftauchen?

Unausgesprochene Erwartungen

Oft fehlt ein gemeinsames „Regelwerk“

"Tarnmodell" bei Beziehungskrisen

Öffnung als Versuch, Untreue zu legitimieren – ohne wirkliche Beziehungsarbeit

Unbewusste Machtspiele

Wer darf mehr? Wer kontrolliert? Das kann toxisch werden

🧩 Offene Beziehung vs. Polyamorie – Was ist der Unterschied?

Merkmal

Offene Beziehung

Polyamorie

Zentrale Beziehung

Ja, emotional exklusiv

Nicht zwingend

Sexuelle Offenheit

Im Vordergrund

Teilaspekt

Emotionale Beziehungen zu Dritten

meist ausgeschlossen

erlaubt und gewünscht

Hierarchien

meist deutlich („wir zwei sind das Paar“)

variabel – egalitär oder mit Prioritäten

Beziehungsarbeit

Fokus auf Paarabsprachen

Fokus auf Netzwerkdynamik

🧭 Therapeutische Erfahrung: Wann funktioniert’s – wann nicht?


Aus meiner Erfahrung als Paar- und Psychotherapeut zeigt sich:

✅ Offene Beziehungen funktionieren gut, wenn...

  • ... das Paar eine stabile emotionale Basis hat,

  • ... Bedürfnisse nicht aus Angst, sondern aus Wachstumslust kommuniziert werden,

  • ... Transparenz, Achtsamkeit und Respekt geübt werden.


🚫 Sie scheitern häufig, wenn...

  • ... eine Öffnung als Lösung für tiefe Paarkrisen versucht wird (z. B. nach Affären),

  • ... unausgesprochene Macht- oder Eifersuchtsdynamiken das Feld dominieren,

  • ... keine Zeit für echte emotionale Integration und Nachgespräche bleibt.


✍️ Fazit: Freiheit braucht Halt

Eine offene Beziehung ist kein „Freifahrtschein“ für alles – sondern ein bewusstes Commitment zur Offenheit, das Mut, Klarheit und viel Kommunikation verlangt. Wenn sie gut gelingt, kann sie eine langfristige Paarbeziehung bereichern, erotisieren und vitalisieren.


Doch Freiheit ohne emotionale Reifung führt leicht ins Chaos. Nur wer sich selbst gut kennt – und dem anderen zuhört – kann in einer offenen Beziehung wachsen.


📚 Quellen

  • Conley, T. D., Ziegler, A., Moors, A. C., Matsick, J. L., & Valentine, B. A. (2013). A critical examination of popular assumptions about the benefits and outcomes of monogamous relationships. Personality and Social Psychology Review, 17(2), 124–141.

  • Moors, A. C., Conley, T. D., Edelstein, R. S. (2015). Beyond the dyad: Exploring attachment in consensually non-monogamous relationships. Journal of Social and Personal Relationships, 32(5), 574–596.

  • Fisher, H. E., Aron, A., & Brown, L. L. (2006). Romantic love: A mammalian brain system for mate choice. Philosophical Transactions of the Royal Society B, 361(1476), 2173–2186.

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